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„Das Licht ändert sich ständig, und das verändert die Atmosphäre und Schönheit der Dinge jede Minute.“ – Claude Monet

Es wirkt beinahe wie eine glückhafte Fügung, dass der 1972 in Berlin geborene Christopher Lehmpfuhl 1992 an der Hochschule der Künste Berlin auf seinen Lehrer Klaus Fußmann trifft. Dieser ist nicht allein der Malerei verfallen, sondern hat ihre ganze Intensität und Tiefe verinnerlicht – eine Haltung, die er mit großer Leidenschaft an Lehmpfuhl weitergibt.

Fußmann, selbst ein bedeutender Vertreter figürlicher Malerei, inspiriert seinen Schüler anfänglich zu einer vom Lehrer entlehnten Farbwuchtmalerei, die der junge Künstler später in eine für ihn ganz subjektive Bildsprache umformuliert, intensiviert und zu einem unverkennbar eigenen Stil verdichtet. Der Plein-Air-Maler vollkommnet diese Haltung zunehmend in einer sinnlichen Geste, indem er die Intensität seines Farbauftrags – den sogenannten Impasto – zur eigentlichen, perfektionierten Ausdrucksform steigert.

Vor Ort, unmittelbar in der Natur, greift Lehmpfuhl in Farbeimer mit sieben Grundfarben. Die Zwischentöne entstehen aus der physischen, direkten Arbeit, die der Künstler mit behandschuhten Händen vollzieht. Dabei wachsen Farbgräben zu aufwallend-pulsierenden Ölbergen und verdichten sich zu reliefartigen Strukturen. Wer die Bilder aus der Nähe betrachtet, begegnet abstrakten Farbstrudeln, wird Zeuge von Farbschlieren, die sich verbinden, um sich gleich darauf wie Wolkenformationen aufzulösen.

Erst mit zunehmendem Abstand des Betrachters gewinnen diese Farbberge an Kontur, Form und Gegenständlichkeit. Der Nahblick eröffnet Abstraktion; im Kopf des Sehenden – und mit gebührendem Abstand – wandelt sich diese zu einer Gegenständlichkeit, die Architekturzitate ebenso wie Naturphänomene evoziert und erfahrbar macht. Diese optische Mischung definiert gleichermaßen Nah und Fern.

Dabei erscheint der Maler selbst fast als Medium: als Mittler zwischen Natur und Leinwand – eine Idee, die nicht zuletzt an Erfahrungen aus dem Zen erinnert. Das von ihm „Erlebte“ wird in der Malerei zu einem „Verstehen der Welt“, artikuliert und versinnbildlicht in Farbe. Ein wesentliches Moment dieser Erfahrung ist der dreidimensionale Farbauftrag, das Impasto, das den Werken nicht nur haptische Qualität, sondern auch eine ausgeprägte Tiefenräumlichkeit verleiht.

Die dritte Dimension eröffnet dem Betrachter eine neue Form der Wahrnehmung und des Sehens im Spannungsfeld von Natur, Kunst und Erfahrbarkeit. Lehmpfuhl selbst nennt als bedeutende Bezugspunkte der Kunstgeschichte Künstler wie Nolde, Monet und Soutine, was – betrachtet man sein Oeuvre – durchaus nachvollziehbar erscheint. Darüber hinaus drängt sich in der Bildwirkung auch eine Assoziation zum japanischen Maler Katsu Shiraga (1924–2008) auf, der – an einem Seil hängend – mit den Füßen Farbe pastos auftrug und verteilte. Sein Ansatz entstammt dem Action Painting, respektive dem Informel.

Dort stehen Emotionalität, Gestik und erfahrene Spontaneität im Vordergrund; gegenständliche Absichten treten zurück. Bei Lehmpfuhl hingegen – kontemplativ und dennoch mit Kalkül im Malprozess – bleibt das Ergebnis bei aller gestischen Vehemenz und räumlichen Intensität stets an eine abbildhafte Erfahrung und ein absichtsgesteuertes Handeln gebunden. Der Künstler erlebt die Natur über Stunden hinweg, oftmals unter extremen Wetterbedingungen. Und während Monet diese vom selben Standort in unterschiedlichen Fassungen bannt, implementiert Lehmpfuhl dieser Dauer, verdichtet sie zu einem einzigen, gebannten Bildmoment.

Das alla prima entstandene Ölbild ist von großer Dynamik und macht zugleich Natur unmittelbar erfahrbar – zwei intensive Sinnerfahrungen, die sich im Werk untrennbar verbinden. So entstehen Bildwelten, die in ihrer individuellen Eigenständigkeit und unmittelbaren Erlebbarkeit nachhaltig faszinieren.

Michael M. Marks

 

 

 

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